Ἐπιστροφή
 

Weihnachtsbotschaft des Ökumenischen Patriarchen (Weihnachten 2019)

+  B A R T H O L O M A I O S
durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche Gnade, Erbarmen und Friede
von Christus, unserem in Bethlehem geborenen Erlöser


In Gott geliebte Brüder, im Herrn geliebte Kinder,

da wir zum großen Fest der Geburt Christi gelangt sind, preisen wir mit Hymnen und geistlichen Liedern den Herrn, der sich für uns Menschen Seiner selbst entäußert und unser Fleisch angenommen hat, auf dass Er uns „aus der Knechtschaft des Bösen“ befreie und dem Menschengeschlecht die Pforten des Paradieses öffne. Die Kirche Christi erfreut sich und lebt das gesamte Mysterium der göttlichen Heilsökonomie in ihrer Liturgie, sie erlebt vorweg die Herrlichkeit des eschatologischen Reiches Gottes und legt christusgemäß das gute Zeugnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe in der Welt ab.

Dass die Kirche „nicht von der Welt“ ist, schließt sie nicht nur nicht von der geschichtlichen und gesellschaftlichen Realität aus, sondern inspiriert und stärkt vielmehr ihr Zeugnis. So dient die Kirche – stets im Hinblick auf die ewige Bestimmung des Menschen – seinen existentiellen Bedürfnissen, gießt – wie der gute Samariter – „Öl und Wein“ auf seine Wunden, und wird zum „Nächsten“ eines jeden, „der unter die Räuber gefallen ist“ (vgl. Lk 10,25-37). Sie heilt die heutigen „Zivilisationskrankheiten“ und erleuchtet Geist und Herz der Menschen. Die Spiritualität als Gegenwart des Heiligen Geistes im Leben der Gläubigen bedeutet: in Wort und Tat für die Hoffnung Zeugnis zu geben, die in uns ist. Sie hat aber nichts zu tun mit unfruchtbarer Introvertiertheit. Der Heilige Geist ist der Spender des Lebens, Quelle der Güte und Gaben, Leben und Licht. Der Christ ist ein Mensch voller Leidenschaft, der Gott und die Menschen liebt, dem Gebet ergeben ist, immer tatkräftig und kreativ.

Die Frohe Botschaft der Geburt Christi ergeht auch in diesem Jahr wieder in einem kulturellen Umfeld, in dem das „Recht des Individuums“ als höchster Wert angesehen ist. Der Egozentrismus und der Trug der Selbstverwirklichung mindern den gesellschaftlichen Zusammenhalt, schwächen den Geist des Altruismus und der Solidarität und verdinglichen die menschlichen Beziehungen. Der grenzenlose Primat der Wirtschaft und die Säkularisierung verschärfen die existentielle Leere und lassen die kreativen Kräfte des Menschen schrumpfen.

Diese Entwicklungen, deren Opfer durch die Verlockungen der Technologie und der vielfältigen Verheißungen „falscher Paradiese“ in erster Linie die jungen Menschen sind, kann die Kirche unmöglich ignorieren. Das Heilige und Große Konzil der orthodoxen Kirche (Kreta, 2016) hat mit Nachdruck die jungen Menschen aufgefordert, „sich dessen bewusst zu sein, dass sie Träger der Jahrhunderte alten und gesegneten Tradition der Orthodoxen Kirche sind und zugleich diese Tradition fortführen“, und aktiv am Leben der Kirche teilzunehmen, „um so die ewigen Werte der Orthodoxie mutig zu bewahren und dynamisch zu pflegen und das lebensschaffende christliche Zeugnis abzulegen.“ (Enzyklika, § 8)

In diesem Geist der Aufforderung des Heiligen Großen Konzils und in Anbetracht der kürzlich erfolgten Wahl und Einsetzung der neuen Erzbischöfe von Amerika, Australien und Thyateira/Großbritannien, in diesen drei großen, Eparchien des Ökumenischen Throns in der Diaspora rufen wir das Jahr 2020 zum „Jahr der pastoralen Erneuerung und der erforderlichen Sorge für die Jugend“ aus und bitten all unseren heiligen Klerus und das nach Christus benannte Volk, an diesem Unterfangen teilzunehmen und es zu unterstützen.

Wir bezwecken die Entfaltung einer „dialogischen Pastoral“ mit Phantasie und Vision, mit unerschütterlichem Glauben an die immer strömende Gnade Gottes und mit Vertrauen auf die Kraft der menschlichen Freiheit. Diese die Person in den Mittelpunkt stellende Pastoral soll die jungen Menschen von der Selbstbezogenheit und der Selbstgefälligkeit zu jener Liebe führen, „die das Ihre nicht sucht“; sie ermutigt dazu, „Gott zu gefallen“- von den „Gütern“ weg hin zu „dem Guten“, von dem „Vieles Bedürfen“ zu dem „Einen Notwendigen“, indem sie dazu verhilft, die Charismen eines jeden von ihnen zu entdecken. Unser wahres Selbst entsteht durch das Opfer unserer selbst.

Die Grundlage für das Wecken des christlichen Bewusstseins bleibt auch heute die Erfahrung und die recht verstandene Bedeutung des christlichen Gottesdienstes – seines gemeinschaftsstiftenden, eucharistischen und eschatologischen Charakters. Die jungen Menschen müssen sich dessen bewusst werden, dass die Kirche keine Körperschaft von Christen, sondern „Leib Christi“ ist. Wir rufen den heiligen Klerus der Heiligen Großen Kirche Christi zu einem pastoralen Tätigwerden auf, das von der Selbstentäußerung (Kenosis) bestimmt ist. Wir werden nicht darauf warten, dass die jungen Männer und Frauen zu uns kommen, sondern wir werden selbst zu ihnen gehen, nicht als Richter, sondern als Freunde, und dem „guten Hirten“ nachfolgen, „der Sein Leben für Seine Schafe gibt“ (Jo 10,11). Der Hirte ist immer bereit und auf der Hut; er kennt die pastoralen Nöte der jungen Menschen und ihr gesellschaftliches Umfeld und handelt entsprechend. Sein pastorales Handeln schöpft Inspiration und Orientierung aus der Überlieferung der Kirche. Es bietet den jungen Menschen nicht bloß „Hilfe“ an, sondern die Wahrheit der Freiheit, „zu der Christus uns befreit hat“ (Gal 5,1).

Mit diesen Gedanken beten wir in Andacht zu dem göttlichen Kind von Bethlehem und wünschen Euch allen aus dem von der Freude des Festes erfüllten Phanar eine gesegnete Zeit der heiligen zwölftägigen Feier und reiche Früchte für das vor uns liegende neue Jahr des Heils. Wir rufen auf euch die nie versiegende Gnade und das große Erbarmen Christi, des Erlösers, herab, Dessen, der zu uns Menschen hinabgestiegen ist, des „Gottes mit uns“.

Weihnachten 2019
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel,
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott